Reinhard Loske Portrait
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Die Ästhetik der Ökologie

Umweltpolitik wird mehr und mehr zur Kulturpolitik.

erschienen in: Die Welt am 21. Juni 2001

von Reinhard Loske

Die Umweltdiskussion war in Deutschland zu lange eine Verzichtsdebatte. Sie muß aber als Qualitätsdebatte geführt werden. Zwar ist es richtig, daß der Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen die Festlegung von Reduktionszielen zwingend erfordert – etwa für Abgase, Abwässer, Abfälle und Ressourcenverbräuche. Die Ökologie zieht aber nicht nur Grenzen, sondern sie bietet auch Entfaltungsmöglichkeiten und kulturelle Orientierungspunkte. Nehmen wir die aktuelle Diskussion um das Dosenpfand: Die Bundesregierung will, daß "ökologisch nachteilhafte" Einwegverpackungen für Getränke mit einem Pflichtpfand belegt werden, weil die Industrie ihre Zusagen über Mehrwegquoten nicht einhält.

Die jüngsten Ökobilanzen lassen keinen Zweifel daran, daß Mehrweg bei Getränkeverpackungen im Regelfall besser ist als Einweg. Auch ist die Behauptung plausibel, die Landschaftsverschandelung durch Dosen und Plastikflaschen werde mit dem Pfand zurückgehen. Wer läßt schon bares Geld am Straßenrand liegen?

Viel zugkräftiger sind in der Auseinandersetzung um die Dose aber die ökologisch-kulturellen Argumente. Im Grunde sind es zwei Fragen, die zur Beantwortung anstehen: Wollen wir eine Kultur der Kreislaufwirtschaft sein oder eine Wegwerfkultur? Wollen wir eine regionale, mittelständische und vielfältige Struktur an Brauereien, Mineralwasserbrunnen und Getränkeabfüllern oder wollen wir eine großindustrielle Struktur mit homogenen Produkten und verkehrsintensiven Distributionsstrukturen? Es erstaunt kaum, daß die Regierung beim Dosenpfand nicht nur die meisten Umweltschützer, sondern auch die mittelständische Getränkewirtschaft und die wahren Freunde deutscher Braukunst an ihrer Seite weiß.

Der Kreislaufwirtschaft gehört auch in anderen Bereichen die Zukunft, obwohl sie gegen mächtige Beharrungskräfte durchzusetzen ist. Wenn für Altautos und Elektronikschrott demnächst eine Rücknahmeverpflichtung der Hersteller gilt, hat das auch Rückwirkungen auf die Produktionsseite. Prinzipien wie Sortenreinheit, Langlebigkeit, Demontage- und Wartungsfreundlichkeit sowie Wiederverwertbarkeit der Komponenten werden zu wichtigen Leitbildern einer neuen Produktionskultur.

Das Feld, auf dem sich Kultur, Ökologie und Ökonomie am offenkundigsten begegnen, ist die Agrikultur. Was ist es denn, das die Bauern auf der Fläche produzieren? Es sind Nahrungsmittel und Kulturlandschaften. Über Jahrhunderte hinweg ist quasi hinter dem Rücken der wirtschaftenden Bauern eine unglaubliche Landschaftsvielfalt entstanden, die Identifikationen und Heimatgefühle erst ermöglicht hat. Mit der zunehmenden Industrialisierung der Landwirtschaft und dem Übergang zur Massentierhaltung konnten zwar enorme Produktivitätsfortschritte und sinkende Nahrungsmittelpreise erreicht werden, gleichzeitig aber entwickelte sich die "moderne" Landwirtschaft zu einem veritablen Umweltproblem und einem erheblichen Risikofaktor für die Gesellschaft.

Jetzt gilt es die staatlichen Transferleistungen Zug um Zug an Qualitätskriterien zu binden. Das Schlüsselwort beim Verbraucherschutz ist die Transparenz, die Nachvollziehbarkeit von Produktionsbedingungen. Es ist deshalb ein Riesenschritt, daß es gelungen ist, ein einheitliches Gütesiegel für ökologisch erzeugte Nahrungsmittel durchzusetzen. An die Stelle des Begriffswirrwarrs von Öko-, Bio- und Naturprodukten tritt eine einfache und klar definierte Kennzeichnung.

Es ist das Ziel der Bundesregierung, den Anteil des ökologischen Landbaus an der gesamten landwirtschaftlichen Nutzfläche deutlich zu erhöhen. Das kann aber nur erreicht werden, wenn die Verbraucher mitmachen und bereit sind, für Qualitätsprodukte tiefer in die Tasche zu greifen. Zur Hilfe kommen könnte der Regierung dabei, daß sich das Gesundheits- und Ernährungsbewußtsein der Bevölkerung durch die BSE-Krise erhöht hat – hoffentlich dauerhaft.

Auch für die konventionelle Landwirtschaft muß es aber klare ökologische Regeln geben. Ein wichtiger Baustein der neuen Umweltpolitik ist deshalb die Novellierung des Bundesnaturschutzgesetzes. Hier werden erstmals qualitative Normen für die gute fachliche Praxis definiert. Die Gesetzesnovelle läßt sich von dem Grundsatz leiten, daß Naturschutz und Naturnutzung keine Widersprüche sein müssen. Die Festlegung, daß zehn Prozent der deutschen Flächen besonders geschützt und durch Biotopverbundsysteme vernetzt werden sollen, ist ein besonderer Fortschritt und trägt den wissenschaftlichen Erkenntnissen aus der Ökosystemforschung Rechnung. Ein gewisses Maß an "Wildnis" ist nicht nur gut für Tiere und Pflanzen, sondern auch für den "modernen" Menschen, der so sehr auf ausgetretenen Pfaden wandelt.

Ein letztes Beispiel: Der Klimaschutz wird gemeinhin mit ethischen Argumenten begründet. Um unseren Kindern und Kindeskindern keinen Treibhausplaneten zu hinterlassen, soll der Ausstoß an klimaverändernden Gasen – vor allem von Kohlendioxid – deutlich reduziert werden.

Die neue Umweltpolitik sieht Klimaschutz aber nicht primär als Last, sondern als Chance. Energieeinsparung, Energieeffizienz und erneuerbare Energien sind nicht nur gut für zukünftige Generationen, sondern bieten auch enorme Beschäftigungspotentiale und Wettbewerbschancen und senken die Abhängigkeit von Ölimporten. Es ist kein Zufall, daß heute das Baugewerbe für Wärmedämmung streitet, das Installationshandwerk für Heizungsanlagenmodernisierung und der Anlagenbau für hocheffiziente Kraftwerkstechnik, Solarenergie und die Brennstoffzelle.

Die großen umweltpolitischen Erfolge der Vergangenheit, der blaue Himmel über der Ruhr oder die Rückkehr des Lachses in den Rhein, waren vor allem das Ergebnis von schärferen Gesetzen. Die umweltpolitischen Aufgaben der Zukunft – vom Klimaschutz über den Schutz der biologischen Vielfalt bis zur Ressourcenschonung – werden sich nicht mit besseren Gesetzen allein bewältigen lassen. Was dazu benötigt wird, ist ein umfassender Strukturwandel in unserer Gesellschaft: mit umweltbewußten Verbrauchern, nachhaltig wirtschaftenden Unternehmen und Politikern, für die Innovation, Ethik und Ästhetik keine Fremdworte sind. Es ist Zeit für eine Wiedervereinigung von Kultur und Ökologie

Reinhard Loske ist umwelt- und bildungspolitischer Sprecher der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen. Außerdem lehrt er Politische Wissenschaften an der Freien Universität Berlin.

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